Friedenssommer 2003 - „Atomwaffen abschaffen - bei uns anfangen"

Zu Fuß und mit dem Fahrrad auf der Suche nach Massenvernichtungswaffen

Vor 20 Jahren waren die Atomwaffen in aller Munde. Hunderttausende gingen in den 80er Jahren dagegen auf die Straße, es war die Zeit der Großdemonstrationen im Bonner Hofgarten, der großen Menschenkette von Stuttgart nach Ulm und der Beginn der Blockaden vor Atomwaffenstandorten, z.B. in Mutlangen auf der Schwäbischen Alb.

Dieser kleine Ort war am 6. August, dem Hiroshimagedenktag, der Beginn des Friedenssommers 2003, der zunächst mit einer Wanderung zur US-Kommandozentrale EUCOM nach Stuttgart führte und an die sich eine Radtour von Kaiserslautern nach Büchel anschloss. Ein Bündnis von Friedensgruppen - Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK), Pressehütte Mutlangen, Gewaltfreie Aktion Atomwaffen Abschaffen (GAAA) und Bike for Peace - haben damit die bisherigen Aktivitäten in Deutschland zur Abrüstung der Atomwaffen verstärkt und auf die noch immer hier gelagerten Atomwaffen (Ramstein und Büchel) aufmerksam gemacht.

Der Hintergrund ist die Besorgnis darüber, dass die mit dem Ende des Kalten Krieges eingesetzte Abrüstung von atomaren Waffen ins Stocken geraten ist und dass sogar neue, gefährliche Atom-Kriegsszenarien entworfen werden. Bereits der präventive Einsatz dieser Waffen auch gegen Staaten, die nicht selbst Atomwaffen besitzen, ist mittlerweile offizieller Bestandteil der Regierungspolitik der USA. Zudem wurde im Mai die Entwicklung neuer Atomwaffen in den USA freigegeben.

Sport und Natur

Über 100 TeilnehmerInnen aus mindestens 8 verschiedenen Nationen beteiligten sich an der über 350 km langen Radtour von Kaiserslautern über Homburg/Saar, Saarbrücken, Trier, Spangdahlem, Wittlich nach Büchel sowie den verschiedenen Aktionen unterwegs. Einige Wochen zuvor hatten trotz Temperaturen von bis zu 38 Grad im Schatten im Schnitt 25 TeilnemerInnen aus 8 Nationen die 60 km lange Wegstrecke von Mutlangen nach Stuttgart erwandert.

Neben den politischen Betätigungen kam sowohl der sportliche Aspekt als auch der Kontakt zur Natur zum Tragen. Die Wanderung führte im Remstal durch Wälder und Weinberge, Strecken, die auf der sonst üblichen Auto- oder auch Bahnfahrt kaum oder gar nicht wahrgenommen werden. Auch die Radstrecke führte durch viele idyllische Täler sowie auf teils abgelegenen Pisten entlang der Saar und der Mosel.

Mehrere Berge mussten zu Fuß und mit dem Fahrrad erklommen werden, eigens ein Prolog mit einer Bergwertung führte hinauf zum Betzenberg, dem Hausberg des ehemaligen deutschen Fußballmeisters 1.FC Kaiserslautern. Bei vielen weiteren anderen Steigungen mussten teilweise bis zu 24 % Höhenunterschied überwunden werden, was viele Fahrradfahrer zum Absteigen veranlasste. Sage noch einer, nur in den Alpen gibt es große Höhenunterschiede zu bewältigen.

Bildung, Information und Kultur

Insbesondere auf dem ersten Teil der Radtour, zwischen Kaiserslautern und Trier, hatte der Friedenssommer den Charme einer Bildung- und Informationsreise. Zu Beginn der ersten Radetappe wies Kalle Kress vom BUND auf die größte US-amerikanische Militärsiedlung in Europa in Kaiserslautern und Ramstein hin.

Nach einer kurzen Kundgebung, leider weit entfernt vom Haupttor des Militärflughafens, fand an der Gedenkstätte zur Flugtagkatastrophe von 1988 eine kurze Gedenkveranstaltung mit Betroffenen und den psychologischen Betreuern Dr. Hartmut und Sibille Jatzko statt. Sie vermuten, dass damals weit mehr als die offiziell bekannt gegebenen 70 Tote, Opfer geworden sind.

Am Tag darauf wurde die Gruppe in Saarbrücken und Umgebung Zeuge einer kriegerischen Vergangenheit. Bei einer Führung durch das ehemalige KZ Neue Bremm wurde noch einmal die Unmenschlichkeit und der Terror des Naziregimes deutlich. Auf den Spicherer Höhen, bereits wenige Kilometer hinter der Grenze in Frankreich metzelten sich 1870/71 Tausende französische und deutsche Soldaten an einigen wenigen Tagen gegenseitig nieder. Der Empfang des Bürgermeisters von Spichern im Rahmen eines Friedensfestes und die tolle Gastfreundschaft mit der Überlassung des örtlichen Sportgeländes zum Übernachten verdeutlichen den Gedanken der Freundschaft, des Austausches und der Versöhnung zwischen den beiden Nachbarstaaten seit den 1950er-Jahren.

Die Stahlkrise und die Auswirkungen auf das Saarland waren am dritten Tag markante Wegweiser in die jüngere (Wirtschafts-)Geschichte. Die stillgelegte Völklinger Hütte, UNESCO-Weltkultur, ist ein mahnendes Symbol für den Glauben an den ungebremsten Fortschritt.

Brief aus Hiroshima

Der Bürgermeister von Hiroshima, Tadatoshi Akiba, übersandte den TeilnehmerInnen des Friedenssommers neben einem Grußwort Briefe zu, die an die Bürgermeister auf der Wegstrecke übergeben wurden. Insbesondere in Plüderhausen und Stuttgart, jeweils begleitet von einem kleinen Medienrummel, nahmen die Bürgermeister die Bitte gerne auf.

Akiba schrieb ihnen ins Gewissen. „ ... Heute wächst die Gefahr eines Atomkriegs wieder. Wir müssen gegen diese Tragödie arbeiten, bevor sie eintritt. Ich war erfreut darüber, dass eine Gruppe von Wanderern und eine Gruppe Radfahrer im Friedenssommer 2003 für Frieden und die Abschaffung der Nuklearwaffen demonstrieren und Aktionen machen wolle. Ich betrachte sie als Friedensboten. Ich möchte Sie einladen, diesen Besuch zum Anlass zu nehmen und unsere "Weltkonferenz von Bürgermeistern für den Frieden" beizutreten. Es wäre ein wichtiges Symbol, wenn Sie unserer Bewegung anschließen. ... Die "Mayors for Peace" planen verschiedene Aktivitäten, um die vollständige Abschaffung der Atomwaffen zu erreichen, um die Überprüfungskonferenz des Nichtverbreitungsvertrages vorzubereiten, die 2005 abgehalten wird. Um solche Projekte Schritt um Schritt zu verwirklichen brauchen wir eine steigende Mitgliedschaft und die fortgesetzte Ausweitung unseres weltweiten Netzwerks."

Massenvernichtungswaffen im Blick - Zivile Inspekteure unterwegs von Kaiserslautern zum Atomwaffenstandort Büchel

Eine Konzertblockade vor den Toren des EUCOM in Stuttgart-Vaihingen - der US-amerikanischen Kommandozentrale für Europa, Afrika und den Fernen Osten - unter dem Motto "Lebenslaute statt Kriegskommandos" am 58. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Nagasaki bildete den Beginn von Aktionen an Militärstandorten.

Die Gruppe Lebenslaute stellte ihr musikalisches Können zunächst während einer Mahnwache und später im Rahmen einer Blockade der Hauptzufahrt unter Beweis. So kamen u.a. zur Aufführung: die Haydn- Sinfonie Nr. 26, Gershwin´s Lullaby sowie die Psalmvertonung für Chor und Orchester von Martines. Auch die Polizei lauschte zunächst interessiert den Klängen, ehe sie das Konzert und damit die Blockade zur Enttäuschung der 80 Anwesenden auf sehr unsensible Art und Weise beendeten. Festgenommen wurde niemand.

"Mit der Aktion wollten wir darauf hinweisen, dass vom EUCOM aus immer wieder Kriege geplant und ausgeführt wurden, wie zuletzt gegen den Irak. Tod und Zerstörung von Kultur und Menschlichkeit sind die Folge, und nicht wie behauptet die Durchsetzung von Demokratie und Menschenrechten", meinte Berthold Keunecke von der Gruppe Lebenslaute.

Während dieser Aktion wurden feierlich Inspektionsteams eingesetzt. 30 Personen schrieben sich in eine Liste zur Abrüstung des EUCOM durch Inspektionen ein. Ziel dieser Teams: Nach den Erfahrungen der Inspektionen im Irak und Nordkorea müsse auch von den USA und ihrer Verbündeten die Offenlegung aller Aspekte bzgl. Produktion, Transport, Lagerung und Einsatz von Massenvernichtungswaffen verlangt werden, als ersten Schritt zu umfassender Abrüstung.

Zu Beginn der Radtour schrieben sich zunächst weitere Inspekteure zur Abrüstung des Atomwaffenstandortes Ramstein ein. Die US-Luftwaffenbasis dient den US-Streitkräften als zentrales europaweites Nachschubdepot mit einer Lagerkapazität von mindestens 100 Atombomben.

Am 28. August versuchte dann eine international besetzte Inspektorengruppe die US-Air Base Spangdahlem/Eifel, einem der größten außerhalb der USA liegenden US-Militärflughäfen, zu inspizieren. Von dort starteten die Jets zu ihren todbringenden Einsätzen in den Kosovo, nach Afghanistan und zweimal in den Irak. In allen diesen Ländern verschossen sie Tausende Tonnen der abgereicherten Uranmunition.

Mit einem Brief an Commander Mueller hatten die AktivistInnen ihren Besuch angekündigt. Darin wurde der völkerrechtswidrige und illegale Besitz von allen atomaren Waffen verurteilt und um ein Gespräch mit ihm über die Möglichkeiten der Vernichtung dieser Massenvernichtungswaffen gebeten. Die FriedensfreundInnen begannen ihre Inspektion mit einem Besuch des Passbüros des Militärflughafens, wo sich Gäste des Stützpunkts anzumelden haben. Hier erklärte ihnen ein älterer deutscher Zivilist, dass es keinerlei Probleme gäbe und sie sich nur am Eingang nebenan bei den dortigen Wachhabenden melden müssten. An besagtem Eingangstor empfing die Gruppe ein Trupp Bundeswehrsoldaten, die allein für die Bewachung des Militärgeländes zuständig sind. Wiederum verlangten die AktivistInnen Einlass und beriefen sich auf die gerade erhaltene Auskunft im Passbüro. Doch die deutschen Soldaten verwiesen sie zum nahegelegenen „main gate". Auf die Frage, ob sie wüssten, dass sie hier Uranwaffen bewachen würden, gaben sie ausweichende Antworten, bzw. verneinten. Ein ranghöherer Soldat wurde durch Fragen, warum er Massenvernichtungswaffen bewache, verunsichert, konnte den Inspektoren jedoch keine Antwort liefern.

Am "main gate", das den Besucher mit den Worten "US Air Base Spangdahlem. Seek. Attack. Destroy." (Suchen. Angreifen. Zerstören) begrüßt, trafen die Inspektoren erstmals einen amerikanischen Soldaten, der ihnen erklärte, Commander Mueller wäre leider gerade nicht erreichbar, da er sich in der Luft befände. ("He was too high to speak to us", wie es John LaForge ausdrückte). Der GI sagte, er würde den "Second Commander" kontaktieren und die Gruppe informieren, wenn dieser Zeit für ein Gespräch habe. Der Soldat machte auf die weiße Linie vor dem Eingangstor aufmerksam, hinter die die AktivistInnen zurückweichen sollen.

Die aufgrund der angekündigten Kundgebung herbeigekommenen deutschen Polizisten mahnten die Einhaltung des Abstands zum amerikanischen Gelände und drohten mit Hausfriedensbruch. Die FriedensradlerInnen beschlossen sich zurückzuziehen und nicht weiter auf eine Antwort des Second Commanders zu warten.

Für die AktivistInnen fügt sich die Verweigerung einer Inspektion des Militärgeländes eindeutig in die Illegalität und Unrechtmäßigkeit der Atomwaffenlagerung ein. Sie fordern (nicht nur) die USA auf, den jüngsten Rüstungswahn zu beenden und ihren Versprechungen nach Abrüstung nachzukommen.

Ähnlich erging es einem ebenso international besetzten Inspektionsteam am deutschen Militärflughafen und Atomwaffenstandort Büchel. Im Rahmen einer Umrundung des Geländes am 31. August erhielten die Inspektoren nur ausweichende Auskünfte. Am 1. September blockierten ungefähr 30 Demonstranten nach vergeblichem Versuch, offiziell auf das Gelände zu kommen, in früher Morgenstunde die Einfahrten und sorgten für eine mindestens 20-minütige komplette Schließung des Militärflughafens. Für Diskussionsstoff war an diesen Tagen in Büchel gesorgt.

Die Inspektionen in Spangdahlem und Büchel wurden vollständig dokumentiert. Alle entsprechenden Berichte mit der Abrüstungskonferenz und dem Generalsekretär der UNO im Frühjahr 2004 persönlich überreicht.

Gewaltfreier, aktiver Widerstand gegen Atomwaffen

Langjährige und eindrucksvolle Erfahrungen aus dem gewaltfreien Widerstand gegen Atomwaffen brachte der langjährige US-amerikanische Aktivist John LaForge in die Radtour ein. Er verbrachte aufgrund seiner Antikriegs- und Anti-Atomwaffenaktivitäten insgesamt dreieinhalb Jahre im Gefängnis. 1987 fuhr er in den USA gemeinsam mit Barbara Katt in nur 3 Monaten über 35.000 Meilen, um die Standorte aller eintausend Interkontinentalraketen bestätigen und bestimmen zu können. Diese einmalige Erfassung ist Teil des Nukewatch Buches "Nuclear Heartland: ein Wegweiser zu den 1000 Raketensilos der Vereinigten Staaten", welches 1988 herausgegeben wurde.

1984 beschrifteten und zerstörten Barbara und John mit Hammer und Blut zwei Raketenlenkcomputer, die in Minnesota von der Firma Sperry Univac Corp. für die Atom U-Boote hergestellt wurden. Wegen Schwerverbrechen angeklagt standen sie in Erwartung einer 10 jährigen Gefängnisstrafe vor Gericht, wurden aber überraschenderweise freigesprochen, da der Richter den atomaren Rüstungswettlauf verurteilte.

Zusammenfassung und Ausblick

Sowohl die Wanderung als auch die Radtour sind alles in allem erfolgreich verlaufen. Wir erreichten mit unserer Forderung nach vollständiger atomarer Abrüstung viele Menschen entlang der Strecke mit zahlreichen Flugblättern und Infoständen als auch viele weitere Tausend Menschen durch eine gute Berichterstattung in den Medien (u.a. SWF Hörfunk, SWR Fernsehen Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, Rheinland-Pfalz-Radio, Stuttgarter Zeitung, Stuttgarter Nachrichten, Trierer Volksfreund, Rhein-Zeitung, verschiedene Kirchenzeitungen im Rheinland und der Pfalz, Lokalfernsehen in Trier).

Ein kleiner Wehrmutstropfen bleibt: Die ausgezeichnete Stimmung unter den TeilnehmerInnen konnte die Enttäuschung nicht verbergen, dass sich für das brisante Thema im Schnitt nur ca. 25-30 Personen pro Tag erwärmen konnten, obwohl im Vorfeld sehr viel Werbung dafür gemacht wurde. Ob es am heißen Sommer lag, am Spezialthema Atomwaffen, an der Müdigkeit vieler Friedensaktivisten nach langem Engagement zur Verhinderung des Irak-Krieges?

Doch wie sagte der Bürgermeister aus Hiroshima: unsere Aktivitäten seien wichtig und rechtzeitig.

In diesem Sinne lassen wir uns nicht entmutigen. Im Gegenteil. Mit vielen weiteren Inspektionen an Standorten mit Massenvernichtungswaffen und Kontakten zu den Bürgermeistern werden wir das Thema hochhalten. Ein nächster Höhepunkt könnte ein großes Delegiertentreffen von Nichtregeierungsorganisationen bei der UNO im April 2004 in New York sein, bei der u.a. alle Berichte von weltweit durchgeführten Inspektionen übergeben werden.